Zweitlistings in Frankfurt und Tradegate
Viele kanadische Rohstoff- und Wachstumsunternehmen sind nicht nur in Toronto oder an der CSE handelbar, sondern auch an der Börse Frankfurt oder bei Tradegate. Für Anleger in Deutschland ist das bequem: Der Kurs wird in Euro gestellt, die Handelszeiten reichen bis in den späten Abend, und viele Broker bieten diese Plätze zu ihren Standardkonditionen an. Ein deutsches Zweitlisting hat aber Eigenheiten, die man kennen sollte: bei der Liquidität, bei den Spreads und bei den Informationspflichten.
Was ist ein Zweitlisting?
Von einem Zweitlisting spricht man, wenn eine Aktie schon an ihrer Heimatbörse gehandelt wird und zusätzlich an einem weiteren Handelsplatz handelbar ist. Bei kanadischen Small Caps ist das in Deutschland meist der Freiverkehr, an der Börse Frankfurt auch „Open Market“ genannt.
Die Deutsche Börse beschreibt den Freiverkehr als nicht amtliches Marktsegment, in dem neben einigen deutschen Aktien „überwiegend ausländische Aktien“ gehandelt werden. Er ist ausdrücklich kein organisierter Markt im Sinne von § 2 Abs. 11 WpHG. Er beruht auf privatrechtlichen Geschäftsbedingungen der Deutschen Börse. Es gibt laut Deutscher Börse nur wenige formale Einbeziehungsvoraussetzungen und keine Folgepflichten für den Emittenten.
Für ausländische Aktien ist im Open Market der Deutschen Börse das Quotation Board maßgeblich. Dort werden Aktien nur noch einbezogen, wenn sie bereits an einem anderen, von der Deutschen Börse anerkannten börsenmäßigen Handelsplatz notieren, bei kanadischen Werten typischerweise an TSX, TSX Venture oder CSE.
Wer beantragt das Zweitlisting?
Ein Punkt überrascht viele Anleger: Das Zweitlisting im Frankfurter Freiverkehr muss nicht vom Unternehmen selbst ausgehen. Nach den Geschäftsbedingungen der Deutschen Börse für den Freiverkehr wird eine Aktie auf Antrag eines Handelsteilnehmers, der zugleich Spezialist ist, in das Quotation Board einbezogen. Die Deutsche Börse kann Aktien außerdem auch ohne Antrag eines Teilnehmers selbst einbeziehen.
Das hat zwei Folgen:
- Ein Zweitlisting in Frankfurt ist kein Qualitätsmerkmal und keine Aussage über das Unternehmen.
- Das Unternehmen hat gegenüber der deutschen Börse in der Regel keine zusätzlichen Berichtspflichten. Maßgeblich bleiben die Pflichtveröffentlichungen im Heimatmarkt, bei kanadischen Gesellschaften also auf SEDAR+.
Wie entstehen die Kurse?
Börse Frankfurt: Fortlaufende Auktion mit Spezialist
An der Börse Frankfurt werden Aktien im Modell „Fortlaufende Auktion mit Spezialist“ gehandelt, laut Deutscher Börse von 8:00 bis 22:00 Uhr. Für jedes Wertpapier gibt es genau einen Spezialisten. Seine Aufgaben beschreibt die Börse so:
- Er informiert den Markt während der gesamten Handelszeit mit verbindlichen „Standard Quotes“ und berücksichtigt dabei das Orderbuch und einen eventuell vorliegenden Referenzmarkt.
- Er muss die mit der Börse vereinbarten maximalen Spreads und minimalen Quotierungsvolumina einhalten.
- Er leitet die Preisfeststellung ein, wenn Orders ausführbar sind, und kann zusätzliche Liquidität bereitstellen.
Zur Transparenz merkt die Deutsche Börse an: Während der Voraufruf- und der Freeze-Phase ist das Orderbuch teilweise geschlossen. Andere Marktteilnehmer sehen nur den Standard Quote des Spezialisten, während der Spezialist selbst das gesamte Orderbuch einsehen kann.
Tradegate
Tradegate (Tradegate Berlin Stock Exchange, kurz Tradegate BSX) handelt laut Handelskalender montags bis freitags von 7:30 bis 22:00 Uhr. Nach dem Regelwerk der Börse müssen Spezialisten für jedes gehandelte Wertpapier während der Handelszeit fortlaufend Vorhandelspreisinformationen bereitstellen, entweder als verbindliche Quotes oder als unverbindliche Taxen. Diese sollen ein realistisches Bild der Marktsituation geben und dabei die Referenzmärkte berücksichtigen. Die Geschäftsführung der Börse legt für jedes Wertpapier unter anderem Referenzmärkte und die Pflichten der Spezialisten, Market Maker und Liquiditätsgeber fest.
Liquidität: Kurs ist nicht gleich Handel
Ein angezeigter Kurs bedeutet nicht, dass an diesem Platz tatsächlich viel gehandelt wird. Bei kanadischen Small Caps findet der Großteil des Handels häufig an der Heimatbörse statt. Der Kurs in Frankfurt oder bei Tradegate orientiert sich dann am Referenzmarkt in Kanada, umgerechnet in Euro.
Aufschlussreich sind vor einer Order deshalb:
- Umsätze am deutschen Platz: Wie viele Stücke wurden in den letzten Tagen dort tatsächlich gehandelt? Kurslisten der Börsen und Broker zeigen das.
- Umsätze an der Heimatbörse: Ist die Aktie in Kanada liquide, kann der deutsche Spezialist sich am Referenzkurs orientieren. Wird sie auch dort kaum gehandelt, fehlt dieser Anker.
- Ordergröße: Je größer die Order im Verhältnis zum üblichen Umsatz, desto größer das Risiko, dass sie nur zu deutlich schlechteren Kursen oder gar nicht ausgeführt wird.
Spreads: der unsichtbare Kostenfaktor
Die Geld-Brief-Spanne (Spread) ist die Differenz zwischen dem Preis, zu dem Sie kaufen können, und dem Preis, zu dem Sie verkaufen können. Bei wenig gehandelten Werten kann sie erheblich sein. Bei einem Kauf und späteren Verkauf zahlen Sie den Spread praktisch einmal ganz.
Für kanadische Werte an deutschen Plätzen ist die Uhrzeit wichtig. Die TSX und die TSX Venture handeln laut TMX Group von 9:30 bis 16:00 Uhr Eastern Time, nach deutscher Zeit meist von 15:30 bis 22:00 Uhr (in den Wochen der Zeitumstellung kann sich das verschieben). Vor 15:30 Uhr deutscher Zeit stellt der Spezialist in Frankfurt oder bei Tradegate seine Kurse also, während an der Heimatbörse nicht gehandelt wird. Er muss dabei die Kursentwicklung seit dem letzten kanadischen Handelsschluss, Wechselkursbewegungen und neue Unternehmensmeldungen einschätzen. Wie sich das auf den Spread im Einzelfall auswirkt, lässt sich nicht pauschal sagen. Ein Vergleich der Quotes am selben Tag vor und nach 15:30 Uhr macht den Unterschied sichtbar.
Als Plausibilitätscheck dient der Vergleich des letzten Kurses an der Heimatbörse, in CAD und zum aktuellen Wechselkurs in Euro umgerechnet, mit Geld- und Briefkurs am deutschen Platz.
Limit-Orders: wie sie funktionieren
Eine limitierte Order begrenzt den Ausführungspreis. Eine unlimitierte Order wird zum nächsten ausführbaren Kurs ausgeführt. Bei geringer Liquidität kann dieser deutlich vom zuletzt angezeigten Kurs abweichen. Ein Limit legt fest, welcher Preis höchstens gezahlt oder mindestens erzielt wird. Das Risiko einer Nichtausführung bleibt.
Weniger Transparenz im Freiverkehr
Die BaFin weist ausdrücklich auf die Unterschiede zwischen den Handelssegmenten hin. Im Freiverkehr, auch als Multilateral Trading Facility (MTF) bezeichnet, seien die Anforderungen „deutlich geringer als im regulierten Markt“. Laut BaFin fehlt deshalb oft ein Wertpapierprospekt. Unternehmen müssen dort weder Ad-hoc-Meldungen noch Directors' Dealings oder Stimmrechtsmitteilungen veröffentlichen, und die BaFin prüft die Unternehmensabschlüsse nicht.
Für kanadische Gesellschaften heißt das: Die verlässlichen Informationen stehen im Heimatmarkt. Pflichtveröffentlichungen wie Quartalsberichte, Pressemitteilungen zu Finanzierungen oder technische Berichte zu Bergbauprojekten finden Sie auf SEDAR+. Sie sind in der Regel auf Englisch oder Französisch verfasst.
Unabhängig davon gilt das europäische Marktmissbrauchsrecht nach Art. 2 Abs. 1 der Marktmissbrauchsverordnung (MAR) auch für Finanzinstrumente, die auf einem MTF gehandelt werden. Insiderhandel und Marktmanipulation sind also auch im Freiverkehr verboten.
Warnsignale: Wenn Zweitlistings für Manipulation genutzt werden
Die BaFin nennt in ihren Verbraucherinformationen zur Marktmanipulation eine Konstellation ausdrücklich als Warnsignal: Die Aktien sind an einer Börse außerhalb der EU gelistet und zusätzlich in den weniger regulierten Freiverkehr einer deutschen Börse einbezogen. Besonders anfällig seien illiquide Wertpapiere und Penny Stocks, also Aktien mit einem Kurs meist unter einem Euro.
Weitere Warnsignale laut BaFin:
- Wertpapiere werden sehr offensiv zum Kauf empfohlen, kostenlos oder unaufgefordert, oft von unbekannten Absendern.
- Es werden extrem hohe Gewinne versprochen, und Sie werden unter Zeitdruck gesetzt.
- Das Unternehmen hat eine deutschsprachige Website, sitzt aber im Ausland.
- Es gibt kein erkennbares operatives Geschäft oder kaum Informationen über das Unternehmen.
- Der Firmenname wurde innerhalb kurzer Zeit mehrfach geändert.
Die BaFin beschreibt außerdem das Scalping: Jemand empfiehlt vielen Anlegern ein Wertpapier, das er selbst hält, ohne dies offenzulegen, und verkauft, wenn der Kurs steigt. Wer Wertpapiere empfiehlt, ist laut BaFin verpflichtet, Interessenkonflikte offenzulegen.
Diese Warnsignale bedeuten nicht, dass jedes Unternehmen mit deutschem Zweitlisting betroffen ist. Kommen Freiverkehr, geringe Liquidität und aggressive Werbung zusammen, ist aber immer besondere Vorsicht angebracht. Die BaFin rät, vor einem Kauf auf ihrer Website nach Warnhinweisen zum Wertpapier oder zum Unternehmen zu suchen.
Prüfliste für Zweitlistings
- An welchem Platz wird die Aktie tatsächlich gehandelt, und mit welchen Umsätzen?
- Wie groß ist der Spread jetzt, und wie groß ist er, wenn die Heimatbörse geöffnet hat?
- Passt der Euro-Kurs zum umgerechneten Kurs an der Heimatbörse?
- Ist die Order limitiert oder unlimitiert?
- Habe ich die Pflichtmitteilungen des Unternehmens auf SEDAR+ gelesen, nicht nur Werbetexte oder Forenbeiträge?
- Gibt es Warnhinweise der BaFin zu diesem Wertpapier oder Unternehmen?
Fazit
Zweitlistings in Frankfurt und bei Tradegate machen kanadische Small Caps für deutsche Anleger leicht zugänglich: in Euro, zu langen Handelszeiten und meist zu den üblichen Konditionen des Brokers. Der Preis dafür sind oft geringere Umsätze, unter Umständen breitere Spreads (vor allem, wenn die Heimatbörse geschlossen ist) und eine Informationslage, die im deutschen Freiverkehr selbst dünn ist. Der Abgleich mit der Heimatbörse, limitierte Orders und die Originalquellen helfen, diese Risiken einzuschätzen; beseitigen lassen sie sich nicht.
Keine Anlageberatung. Dieser Beitrag dient nur der Information und ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Aktien kleiner Unternehmen sind hochriskant, oft wenig liquide und können bis zum Totalverlust fallen. Die Redaktion hält keine Positionen in Wertpapieren der in unseren Beiträgen behandelten Emittenten. Stockwire erhält keine Vergütung von Emittenten.